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Zu dumm um es selbst zu merken - Merkwürdiges zum Dunning-Kruger-Effekt …

Vor einigen Tagen las ich in der FTD (Financial Times Deutschland) mal wieder einen Artikel über die angewandte Dummheit im täglichen Leben – über  Menschen, die soooo inkompetent sind, dass sie ihre eigene Inkompetenz gar nicht merken und sich ständig selbst überschätzen. Als Beispiel wurde aus der Castingshow „DSDS“ ein besonderes Prachtstück präsentiert: „Menderes Bagci ist siebenmal beim Casting zu `Deutschland sucht den Superstar` angetreten. Jedes Mal hat Bagci vor seinem Auftritt in die RTL-Kameras gestrahlt und gesagt: "Ich weiß, dass ich es schaffe, ich bin ein guter Musiker, ein echt guter Sänger." Jedes Mal hat Dieter Bohlen Bagci auf gewohnt uncharmante Art rausgeschmissen.“ (Zitat FTD http://www.ftd.de/lifestyle/outofoffice/:inkompetente-mitarbeiter-zu-dumm-um-das-zu-begreifen/50153754.html)

Schon Charles Darwin kannte vermutlich diese komplett falsche Selbstwahrnehmung: "Unwissenheit erzeugt viel häufiger Selbstvertrauen als Wissen“, versäumte es aber, diesem Effekt seinen Namen zu verleihen.

Jetzt heißt dieses Phänomen - benannt nach den „Entdeckern“ Prof. David Dunning und Prof. Justin Kruger, Dunning-Kruger-Effekt oder kurz DKE. Ich vermute, dass er tatsächlich nicht nur einigermaßen verbreitet ist, sondern aktuell mit der zunehmenden Anzahl von narzisstischen Persönlichkeiten sich auch noch weiter ausbreiten wird.
Folgerungen aus der Studie sind unter anderem:
- Inkompetente Menschen treffen falsche Entscheidungen.
- Inkompetente Menschen realisieren nicht, dass sie falsche Entscheidungen treffen.

Doch der Dummheit folgt nicht nur ein aufgeblasenes Selbstbild, sondern auch die Leistungen anderer können nicht richtig eingeschätzt werden. Daraus folgt, dass ein Dummkopf an der Macht sich ein Imperium der Idiotie schaffen wird. (Auch das Phänomen Beratungsresistenz erscheint da plötzlich in einer neuen Facette). Eine hohe Ausprägung funktionaler Inkompetenz verhindert oftmals die Erkenntnis ihrer selbst, eine kaum zu bewältigende Hürde – wenn auch oft mehr für die Umwelt als für den/die Betroffene/n.

Die andere Seite der Medaille: Der Selbstüberschätzung von unterdurchschnittlich Leistungsfähigen steht auf der anderen Seite eine Unterschätzung von Spitzenkräften gegenüber: wirklich überdurchschnittlich fähige Menschen bewerten ihre eigene Kompetenz in diesem Bereich oft als eher zu niedrig.

Nehmen wir das Beispiel „Fähigkeit zum Aufgabenlösen“, gerne auch Intelligenz genannt. Generell gilt, dass die Funktion der Selbsteinschätzung bei allen Kompetenzaspekten tendenziell sehr ähnlich verläuft:

DKE Grafik

Die inkompetenten Menschen überschätzen sich und erkennen die höhere Kompetenz von leistungsstärkeren nicht. Top-Performer dagegen schätzen sich selbst als schwächer ein als sie tatsächlich sind. Für diese Top-Performer sind ihre eigenen (weit überdurchschnittlichen) Fähigkeiten oft normal und selbstverständlich. Ich vermute, dass sie als eine Art Kompetenzvermutung anderen Mitmenschen eine höhere Leistungsfähigkeit zutrauen, als tatsächlich vorhanden ist. Und damit rücken sie sich selbst in der Einschätzung zu sehr in Richtung Durchschnitt. Folgen könnten wiederum Überforderungen der umgebenden Menschen sein, weil in diesem Bereich eine höhere Leistungsfähigkeit angenommen wird als tatsächlich gegeben ist. Insbesondere Führungskräfte sollten sich diesen Aspekt gelegentlich vor Augen halten.

 

Ein weiteres Beispiel von DKE aus einem anderen Bereich, den viele Leser gut nachvollziehen können: Ca. 90% aller Autofahrer schätzen ihre eigenen Autofahrfähigkeiten besser als der Durchschnitt ein. Dabei wählt sich jeder die Beurteilungskriterien passend aus. Dass hier bei ca. 50% der Befragten vermutlich eine mehr oder weniger große Selbstüberschätzung vorliegt, ist offensichtlich.  

(Dies trifft natürlich nur auf unsere Mitmenschen zu, nicht auf Sie persönlich oder mich, wir sind zwei Ausnahmen.  ;-)

Die Selbstüberschätzung mancher Betroffener geht oft Hand in Hand mit der Schuldzuweisung an Dritte. Kommt es zu Niederlagen und Misserfolgen, liegt die Ursache nie beim Betroffenen, sondern immer bei Dritten. Der Markt ist Schuld, der Kunde versteht das Produkt nicht, der Wettbewerb ist viel zu billig, die Lehrer haben ihn benachteiligt, die Kollegen mobben ihn, der Chef versteht ihn nicht…diese Haltung der Verantwortungslosigkeit, auch Opferrolle genannt, mag subjektiv zwar ein gewisses „Wohlbefinden“ erzeugen, verhindert allerdings ein Problembewusstsein und erst recht die Lösung der Probleme.

 

Zusammenfassend kann man sagen:
- Inkompetente Menschen überschätzen regelmäßig ihr eigenes Können.
- Inkompetente Menschen unterschätzen die überlegenen Fähigkeiten von anderen.
- Inkompetente Menschen sind nicht in der Lage, das Ausmaß ihrer Inkompetenz zu erkennen.
- Inkompetente Menschen können durch Bildung ihre Kompetenz teilweise steigern und lernen, sich und andere besser einzuschätzen.

 (Diese Aussagen sind für jeden Kompetenzbereich einzeln richtig. Wahlweise lässt sich Inkompetenz auch ersetzen durch „niedrige Intelligenz“ – vulgo dumm.)

Abschließend sei Selbstverständliches trotzdem noch einmal erwähnt: Natürlich kann nicht jeder Mensch jedes Ziel erreichen – das ist dummes Geschwätz von Motivationsgurus oder Esoterikfreaks – und hat genauso schädliche Folgen wie DKE oder die Opferrolle. Aber eine realistische Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung sind wichtig, um sich die richtigen Aufgaben zu suchen (beruflich und als Persönlichkeitsentwicklung).

 

Steffen Strzygowski, Consens Consult Personalberatung



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